Unsichtbar war sie nie – man hat sie nur übersehen: Sophie Brügelmann und der lange Kampf um weibliche Sichtbarkeit
Gestern wurde im LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford in Ratingen feierlich eine Gedenktafel für Sophie Brügelmann übergeben – als neue Station des Projekts FrauenOrte NRW. Dieses landesweite Projekt würdigt das Leben und Wirken historisch bedeutsamer Frauen und macht es sichtbar – dort, wo sie lebten, wirkten, kämpften und gestalteten.
Frauen wurden in der Geschichtsschreibung allzu oft übersehen oder verdrängt, obwohl sie – wie Sophie Brügelmann – zentrale Rollen übernahmen, wirtschaftlich wie gesellschaftlich, künstlerisch wie sozial. Dass sie heute Teil der Erinnerungskultur wird, ist längst überfällig – und zugleich ein wichtiges Zeichen für die Gegenwart.
Sophie Brügelmann, geborene Bredt, kam 1775 in Barmen – heute ein Stadtteil Wuppertals – zur Welt, als älteste von sechs Töchtern einer angesehenen Kaufmanns- und Textilunternehmerfamilie. In einem Umfeld aufgewachsen, das Bildung auch für Mädchen ernst nahm, erhielt sie nicht nur eine künstlerische Ausbildung, sondern auch kaufmännisches Wissen, das sie später mit beeindruckender Selbstverständlichkeit einsetzte. Nach ihrer Heirat mit Johann Gottfried Brügelmann jr. zog sie in die Textilfabrik Cromford nach Ratingen. Doch ihr Eheleben währte nur vier Jahre – nach dem frühen Tod ihres Mannes übernahm sie mit nur 33 Jahren die Geschäftsleitung der Fabrik.
In einer Zeit, in der Frauen gesellschaftlich kaum Handlungsspielraum zugestanden wurde, führte Sophie das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Schwager fast drei Jahrzehnte durch wirtschaftlich schwierige Zeiten. Sie reagierte flexibel auf Marktumbrüche, stellte sich mit Weitblick auf neue Gegebenheiten ein, wickelte Geldgeschäfte ab, verwaltete Ländereien, verpachtete Güter und spekulierte mit Getreide. In den erhaltenen Briefkopien ihrer Geschäftskorrespondenz zeigt sie sich als entschlossene und kluge Verhandlungsführerin, die mit Durchsetzungsvermögen agierte, dabei aber auch soziale Verantwortung übernahm. Ihre Persönlichkeit widersprach dem Frauenbild des 19. Jahrhunderts in fast jeder Hinsicht: gebildet, wirtschaftlich erfolgreich, unabhängig denkend und kulturell engagiert – etwa als Mitgründerin des Düsseldorfer Kunstvereins.
Frauen wie Sophie Brügelmann standen nicht im Schatten großer Männer – sie handelten eigenständig, mutig und visionär. Dennoch blieben sie in öffentlichen Erzählungen oft unsichtbar. Dass sie nun mit einem FrauenOrt geehrt wird, trägt dazu bei, die Geschichte, unsere Geschichte, auch als Frauengeschichte zu erzählen. Und diese Sichtbarkeit ist auch heute noch notwendig.
Noch heute sind Frauen in Führungsetagen, der Politik oder der Wissenschaft unterrepräsentiert. Die sogenannte „Care-Arbeit“, also Kindererziehung, Pflege und Hausarbeit, liegt weiterhin überwiegend auf weiblichen Schultern – unbezahlt oder unterbezahlt. Der Gender Pay Gap ist ein hartnäckiges Problem, ebenso wie der Gender Pension Gap im Alter. Frauen leisten viel – aber noch immer zu oft im Verborgenen oder ohne angemessene Anerkennung. Rollenbilder, strukturelle Benachteiligungen und gläserne Decken sind keine Phänomene vergangener Jahrhunderte. Umso wichtiger ist es, weibliche Vorbilder wie Sophie Brügelmann ins Licht zu rücken. Und die Geschichte von Sophie Brügelmann ist zum einen ein solches Vorbild, aber auch eine Erinnerung daran, dass Veränderung möglich ist. Frauen haben Räume erobert und gestaltet – jetzt ist es Zeit, ihnen auch im öffentlichen Raum Platz zu geben. Das zu tun ist unsere gemeinsame Aufgabe.
Wer mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, den historischen Ort und jetzt FrauenOrt NRW zu besuchen. Die Textilfabrik Cromford in Ratingen ist heute ein Standort des LVR-Industriemuseums. Sie ist nicht nur architektonisch und industriegeschichtlich beeindruckend, sondern bietet auch die Möglichkeit, Sophie Brügelmann im Herrenhaus Cromford näher kennenzulernen. Ihr Schreibtisch, ihre Briefe, ihre Spuren sind hier noch greifbar. Ein Besuch lohnt sich – nicht nur, um die Vergangenheit zu entdecken, sondern um Impulse für die Gegenwart mitzunehmen. Das Museum befindet sich an der Cromforder Allee 24 in 40878 Ratingen und ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Besonders attraktiv: An jedem ersten Freitag im Monat ist der Eintritt frei. Nutzen Sie die Gelegenheit und begegnen Sie Sophie Brügelmann.




