Kunst bewahren, Geschichte erinnern – Besuch im Künstler:innenarchiv und in der Gedenkstätte Brauweiler
Als Fraktion Die Linke in der Landschaftsversammlung Rheinland setzen wir uns für eine starke öffentliche Kultur- und Erinnerungspolitik ein. Umso wichtiger ist es uns, regelmäßig selbst vor Ort zu sein – dort, wo konkrete Projekte, engagierte Menschen und öffentliche Institutionen zeigen, wie diese Verantwortung mit Leben gefüllt wird. Gemeinsam mit interessierten Genoss:innen der Linken im Kreistag Rhein-Erft waren wir zu Besuch in der Abtei Brauweiler in Pulheim. Auf dem Programm standen das Künstler:innenarchiv der Stiftung Kunstfonds sowie die Gedenkstätte Brauweiler – zwei Orte, die unsere Zeit auf besondere Weise bewahren und einordnen.
Das Künstler:innenarchiv ist ein bundesweit einmaliges Modellprojekt. Entstanden aus der Idee eines „Orts zwischen Atelier und Museum“, werden hier seit 2010 künstlerische Vor- und Nachlässe systematisch erfasst, konserviert und für die Forschung geöffnet. Über 40 Vor- und Nachlässe umfasst das Archiv inzwischen – ergänzt durch Skizzenbücher, Fotografien, Kataloge, Aufbaubeschreibungen und vieles mehr. Werke aus dem Archiv gehen als Leihgaben an Ausstellungshäuser in ganz Deutschland. Auch Studierende arbeiten hier an Master- und Promotionsarbeiten, zuletzt etwa zu Ursula Burghardt oder Reiner Ruthenbeck.
Die im Künstler:innenarchiv eingehenden Kunstwerke werden zunächst fachgerecht erfasst, inventarisiert und systematisch katalogisiert. Im Anschluss erfolgt die Einlagerung auf großformatigen Rollgittern, die eine platzsparende und gleichzeitig schonende Aufbewahrung ermöglichen. Je nach Materialität, Zustand und Format werden die Werke, welche nicht an Rollgittern lagern, auch individuell verpackt – ein Prozess, der sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt hat. Die Verpackungsmethoden wurden kontinuierlich an neue konservatorische Erkenntnisse angepasst, sodass heute ein hohes Maß an Schutz und Flexibilität gewährleistet ist.
Das Archiv selbst ist in einem umgebauten ehemaligen Bauernhof untergebracht – ein Ort, der historische Bausubstanz mit moderner Nutzung verbindet. Der alte Schweinestall dient heute als Magazinraum und verfügt, ebenso wie der alte Kuhstall über eine rein natürliche Klimatisierung. Die dicken Wände wirken dabei als thermische Masse und sorgen für vergleichsweise stabile Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse – ein bewusst gewählter, nachhaltiger Ansatz ohne aufwändige technische Kühlung. Herausfordernd bleibt jedoch, dass Kunstwerke aus sehr unterschiedlichen Materialien mit teils stark voneinander abweichenden klimatischen Bedürfnissen in unmittelbarer Nähe zueinander lagern. Holz, Papier, Metall oder Textilien reagieren verschieden empfindlich auf Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen.
Besonders beeindruckt hat uns die Ernsthaftigkeit, mit der hier entschieden wird, welche künstlerischen Positionen Eingang in das Archiv finden. Denn jede Aufnahme ist eine Festlegung auf das, was in vielen Jahrzehnten als das künstlerische Erbe unserer Zeit gelten wird. Die Entscheidung beim Kunstfonds mit einer diversen, mehrheitlich künstlerisch besetzten Jury über die Aufnahme garantiert Transparenz, Qualität und Unabhängigkeit vom Kunstmarkt. Aus jährlich 30–50 Bewerbungen werden nur etwa ein bis zwei Positionen ausgewählt. Zur Aufgabe hat sich das Künstler:innenarchiv auch die Aufbewahrung und Dokumentation der Werke von Frauen gemacht, die hinter ihren bekannteren Partnern oft nur selten entdeckt wurden. Eine unter ihnen ist Elisabeth Marx, die ein vielfältiges Œuvre aus Gemälden, Zeichnungen, zahlreiche Fotocollagen und Objektkästen hinterlassen hat.
Das Künstler:innenarchiv selbst ist eine geschlossene Facheinrichtung, öffnet sich jedoch punktuell für Ausstellungen – wie zur jährlichen GRAFIK-Verkaufsschau kurz vor Weihnachten oder monografische Sonderpräsentationen, zuletzt etwa zur Künstlerin Renate Weh im Sommer 2024.Auch die Gedenkstätte Brauweiler hat uns tief bewegt. Zwischen 1933 und 1945 war das frühere Arbeits- und später Polizeigefängnis Schauplatz schwerster Menschenrechtsverletzungen. Hier wurden politische Gegner:innen, Zwangsarbeiter:innen, als „asozial“ diffamierte Menschen, Jüd:innen und viele andere Opfer des NS-Regimes interniert, gefoltert, in den Tod geschickt oder ermordet. Unter sachkundiger Führung erhielten wir einen intensiven Einblick in die Geschichte des Ortes – aber auch in die heutigen Vermittlungsformate. Besonders hervorzuheben ist die pädagogische Arbeit mit Schulklassen. In den Studierzimmern setzen sich Schüler:innen intensiv mit Biografien einzelner Opfer auseinander.
Die Gedenkstätte in den Kellerräumen des historischen „Frauenhauses“ bei der Abtei Brauweiler eröffnete der LVR am 9. November 2008, zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht. Erstmals wurde dort umfassend über die Verbrechen im Arbeits- und Gestapo-Gefängnis von 1933 bis 1945 informiert und ein Ort des Gedenkens geschaffen. Neben den Verbrechen selbst informiert die Gedenkstätte auch darüber, dass viele Täterinnen und Täter im Nachkriegsdeutschland kaum belang wurden oder mit nur minimalen Strafen davonkamen. Teils ging die Kontinuität so weit, dass dieselben Menschen nach Ende der NS-Herrschaft erneut verhaftet wurden und denselben Wächtern gegenüberstanden, von denen sie gefoltert worden waren.
Im Rahmen des Millennium-Jubiläums der Abtei wurde die Gedenkstätte im Jahr 2024 vollständig neu konzipiert, inhaltlich und gestalterisch überarbeitet und auf rund 340 m² erweitert. Mit der Wiedereröffnung am 7. Juni 2024 ist die Gedenkstätte nun auch barrierefrei zugänglich – durch den neu eingebauten Aufzug erstmals auch für Rollstuhlnutzer:innen. Ergänzt wird die Barrierefreiheit durch einen inklusiven digitalen Mediaguide, der Besucher:innen mit verschiedenen Bedürfnissen individuelle Zugänge zur Ausstellung ermöglicht – darunter Angebote in leichter Sprache, Audiodeskriptionen und visuelle Orientierungshilfen. Die neue Dauerausstellung – modern gestaltet, sensibel kuratiert – eröffnet bei jedem Rundgang neue Perspektiven.
Die Gedenkstätte Brauweiler ist dienstags bis sonntags von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.







