Zum Hauptinhalt springen
https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-105857-20141020-2

Ein Ort mit wechselvoller Geschichte. Besuch im LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweiler

Alban Werner

Am Freitag, 24. Juli 2026 wurde eine Delegation unserer Fraktion für eine zweiteilige Führung durch das Kulturzentrum in der Abtei Brauweiler in Pulheim empfangen. Auf dem Gelände beheimatet sind heute das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, die Gedenkstätte Brauweiler im Keller des Bürohauses (ehemaliges „Frauenhaus“) sowie die Rheinland Kultur GmbH (RKG).

Richard Irmler, wissenschaftlicher Referent für Public History der Einrichtung, führte unsere Gruppe durch das Gelände, gab detaillierte Erläuterungen zur Geschichte und beantwortete unsere Nachfragen. Unweit von Köln gelegen ist das große Gelände mit seinen beeindruckenden Bauten, deren Gründungsgeschichten sagenumwogen ist. Im 11. Jahrhundert als Kloster entstanden, blieb Brauweiler ein religiöser Ort, bis nach der Besetzung durch französische Revolutionstruppen und einen Erlass von 1802 alle Klosterbesitzungen verstaatlicht und die Mönche vertrieben wurden. Bis Ende der napoleonischen Zeit richtete man eine „Bettleranstalt“ in der Abtei ein. 

Nach der Niederlage Napoleons und der Vertreibung der Franzosen aus dem Rheinland erweiterte die preußische Verwaltung die Bettleranstalt zur „Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler“. Dort inhaftierte man Menschen, die durch Disziplinierung, sprich Zwangsarbeit zu „produktiven Mitgliedern der Gesellschaft“ umerzogen werden sollten: Obdachlose, Landstreicher:innen, Spielsüchtige, Alkoholkranke, Prostituierte, psychisch Kranke, schwer erziehbare Jugendliche und Arme. Nicht unähnlich manchen heutigen Abschiebegefängnissen, die als Niedriglohn-Fabriken genutzt werden, konnte sich die Einrichtung durch Werkstätten finanzieren. Die bis zu 300 weiblichen Insassinnen ließ man der vorherrschenden Arbeitsteilung entsprechend bei der Wäscherei, der Näherei, der Bügelei und der Küche arbeiten. 

Unter dem Regime des NS-Faschismus wurde die Arbeitsanstalt zum „Schutzhaftlager“ umfunktioniert. Vor allem politische Gegner:innen der Nazis wie Mitglieder von KPD und SPD wurden dort inhaftiert. Die Nazis selbst bezeichneten in dieser Zeit Brauweiler als frühes „Konzentrationslager“. Später diente die Arbeitsanstalt als Durchgangslager für Jüd:innen aus dem Rheinland, die man anschließend nach Dachau deportierte, sowie als Inhaftierungsort für Mitglieder verschiedener Widerstandsgruppen. In der Gedenkstätte im früheren „Frauenhaus“ auf dem Gelände versucht man derzeit, diverse eingeritzte Inschriften an den Kellerwänden zu rekonstruieren und zu entziffern, mit denen sich die Häftlinge verewigt hatten. 

Für uns heute kaum vorstellbar, wurde die Arbeitsanstalt in Brauweiler nach einem kurzen Zwischenspiel als Quartier für heimatlose ehemalige Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangene und sogenannte Displaced Persons nach Ende des Zweiten Weltkriegs wiederöffnet. Erst im Zuge einer Strafrechtsreform unter dem damaligen Justizminister und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde die Arbeitsanstalt geschlossen. 

Anschließend richtete man auf dem Abteigelände das Landeskrankenhaus Brauweiler ein, das die Behandlung von Suchtkranken zum Schwerpunkt hatte. Wie man uns in der Führung berichtete, wurde das vormalige Wachpersonal der Arbeitsanstalt dabei in einem Crashkurs zum Pflegepersonal „umgeschult“. Es folgten mehrere Skandale durch aufgedeckte Missstände. Zunächst erfolgte 1972 die Umwandlung des Krankenhausbetriebs in eine allgemeinpsychiatrische Einrichtung mit definiertem Versorgungsgebiet. Ab 1977 deckte das von der Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK) gegründete „Beschwerdezentrum – Initiative gegen Verbrechen in Landeskrankenhäusern“ skandalöse Zustände auf. Das Landeskrankenhaus wurde schließlich 1978 geschlossen. Ab den 1980er Jahren wurden die Gebäude des Abteigeländes restauriert und einer kulturellen Nutzung zugeführt.

Zurück zum Kopf der Seite