Edith-Ennen-Wissenschaftspreis: Zwei Frauen, zwei herausragende Arbeiten, ein wichtiges Signal für die Wissenschaft im Rheinland
Am 9. Juli 2025 wurden Dr. Elisabeth Reisinger und Dr. Victoria Huszka mit dem Edith-Ennen-Wissenschaftspreis des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) für das Jahr 2023 ausgezeichnet. Mit dieser nachträglichen Ehrung würdigt der LVR zwei exzellente wissenschaftliche Arbeiten, die sich in besonderer Weise mit der Geschichte und Kultur des Rheinlands auseinandersetzen.
Kürzlich wurden die Preisträger für das Jahr 2024 ausgezeichnet. Nun stehen mit der Ehrung für 2023 mit Reisinger und Huszka zwei Wissenschaftlerinnen im Zentrum, deren Arbeiten neue Impulse für die historische Forschung im Rheinland geben. Sie zeigen, wie relevant geschichts-, aber auch kulturwissenschaftliche Perspektiven auch heute noch sind.Der Edith-Ennen-Preis des LVR ist eine wichtige Auszeichnung für junge Historiker:innen und Kulturwissenschaftler:innen, die sich mit Themen der rheinischen Geschichte befassen. Benannt nach der bedeutenden Bonner Historikerin Edith Ennen, würdigt der Preis hervorragende wissenschaftliche Leistungen, die sich dem Rheinland in all seiner historischen, sozialen und kulturellen Vielfalt widmen.
Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschichte ist kein Luxus, sondern Grundlage einer reflektierten Gesellschaft. Dass der Preis an zwei Frauen verliehen wird, ist ein erfreuliches und wichtiges Signal, nicht nur mit Blick auf die Namensgeberin. Noch immer sind Frauen in der Wissenschaft unterrepräsentiert – insbesondere in historisch ausgerichteten Fächern. Die Auszeichnung von Elisabeth Reisinger und Victoria Huszka ist deshalb auch ein Beitrag zur Sichtbarmachung weiblicher Forschungsperspektiven.
In ihrer mehrfach ausgezeichneten Dissertation mit dem Titel „Musik machen – fördern – sammeln. Erzherzog Maximilian Franz im Wiener und Bonner Musikleben“ untersucht Dr. Elisabeth Reisinger das musikalische Wirken des habsburgischen Kurfürsten und Erzbischofs Maximilian Franz. Dabei richtet sie ihren Blick nicht nur auf dessen Biografie, sondern analysiert mit kulturhistorischem Zugang, wie Musik als politische und gesellschaftliche Praxis an den Höfen von Wien und Bonn funktionierte.
Reisinger gelingt es, die bislang wenig erforschte Rolle dieses Aufklärers im Kontext der Musikgeschichte neu zu beleuchten. Sie zeigt, wie sehr das musikalische Leben in Bonn am Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur Ausdruck höfischer Repräsentation war, sondern auch Teil umfassender Bildungs- und Kulturreformen. Ihre Arbeit liefert so wertvolle Einsichten für die Landesgeschichte und die Geschichte der sogenannten Sattelzeit zwischen Aufklärung und Moderne.
Ganz anders die zweite Preisträgerin. In ihrer herausragenden Dissertation untersucht Victoria Huszka die visuelle Repräsentation des Ruhrgebiets auf Instagram und zeigt, wie tiefgreifend Alltagspraktiken digitaler Bildproduktion zur Umdeutung und Neugestaltung regionaler Identität beitragen. Huszka interessiert sich dafür, wie Bewohner*innen ihre Umwelt auf Instagram inszenieren und wie diese Visualisierungen – online wie offline – zu kollektiven Deutungen und Visionen des Strukturwandels beitragen.
Dabei geht sie ethnografisch vor: In Interviews, bei Instagram-Walks und lokalen Veranstaltungen begleitet sie Nutzer*innen bei der Bildproduktion vor Ort – auf den Straßen, in Cafés oder Coworking Spaces. Methodisch innovativ verbindet sie diese teilnehmende Beobachtung mit einer kulturanthropologischen Analyse, die digitale Praktiken als „region building“ versteht – also als symbolische Mitgestaltung des regionalen Wandels.
Auf dieser Grundlage arbeitet Huszka drei zentrale Bildwelten – sogenannte Imaginaries – heraus: das Ruhrgebiet als urbane Metropolregion, als kreative Wissensregion und als grüne Freizeitlandschaft. In jedem dieser Imaginaries zeigt sich, wie Instagram-Posts neue ästhetische Codierungen etablieren: vom hippen Café als Bühne urbaner Modernität bis hin zur romantisierten Naturidylle im ehemaligen Industrieareal. Nutzer*innen vergleichen das Ruhrgebiet dabei oft mit Städten wie Berlin – nicht selten mit dem Ziel, Anschluss an globale Urbanitätsstandards herzustellen.
Dabei betont Huszka, dass es sich nicht bloß um Marketing handelt: Vielmehr beteiligen sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen aktiv und emotional an der Umdeutung ihrer Umgebung – Instagram wird zur Bühne für ein kollektives „Sich-Beheimaten“ in einer Region im Wandel. Ihre theoretische Fundierung in der Cultural Political Economy macht die Arbeit nicht nur empirisch, sondern auch konzeptionell richtungsweisend – ein wertvoller Beitrag für die empirische Kulturwissenschaft und die regionale Transformationsforschung.
Trotz der hohen Qualität der ausgezeichneten Arbeiten steht der Edith-Ennen-Wissenschaftspreis, wie viele andere öffentliche Förderinstrumente, unter Druck. Im Zuge enger werdender kommunaler Haushalte wird derzeit auch die zukünftige Vergabehäufigkeit dieses wichtigen Preises im LVR auf den Prüfstand gestellt. Das stimmt nachdenklich – denn genau solche Auszeichnungen schaffen Anreize für engagierte Forschung, machen regionale Geschichte lebendig und fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es bleibt zu hoffen, dass es auch in Zukunft möglich ist, solche für die Region bzw. die Regionalgeschichte relevante Arbeiten regelmäßig zu vergeben.
Unser besonderer Dank gilt allen Wissenschaftler:innen, die sich mit großem Engagement und hoher fachlicher Qualität um das Rheinland verdient gemacht haben. Ihre Arbeit ist ein unverzichtbarer Beitrag zu einer offenen, reflektierten und kulturell reichen Gesellschaft.

