Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn über „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“
Das LVR-Landesmuseum, in Bonn ganz nahe beim Hauptbahnhof gelegen, hat sich ein brennend gegenwärtiges Thema für seine Ausstellung ausgewählt, obwohl dort in die Vergangenheit geblickt wird.
„Die Welt der Arbeit ist im Umbruch. Vertraute Berufsbilder verändern sich in rasantem Tempo. Homeoffice und künstliche Intelligenz sorgen für Freiheitsgewinne, schaffen zugleich aber auch neue Abhängigkeiten. Flexibilität und Resilienz sind gefragt. Vergleichbare Entwicklungen prägten bereits das frühe 20. Jahrhundert, als die Modernisierung der Arbeitswelt ebenso tiefgreifende Veränderungen hervorrief wie heute“, heißt es in der Ankündigung der Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“. Anhand vieler interessanter Exponate wird gezeigt, wie „Künstlerinnen und Künstler die Umbrüche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verarbeiteten, „indem sie den technischen Fortschritt feierten, soziale Ungerechtigkeiten anprangerten und Visionen einer künftigen Gesellschaft entwickelten“.
Nachvollziehbar gemacht wird das Thema anhand sehr unterschiedlicher Exponate. Die Bandbreite ausgestellter Medien reicht von zahlreichen Photographien über Malereien zu Zeichnungen, aber auch einem Modellhaus, einem tonnenschweren Ottomotor der Gasmotoren-Fabrik Deutz von 1906, einer echten alten Fabrik-Stechuhr zur Registrierung der Arbeitszeit, einer Schreibmaschine, einem Fahrrad sowie einer Rasierklingenverpackungsmaschine bis hin zu vielen eingestreuten Exemplaren der vom Kommunisten Willi Münzenberg gegründeten Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (A-I-Z), die bis zum Ende der Weimarer Republik bei wöchentlichem Erscheinen eine Auflage von 500.000 Stück erreicht hatte.
Nach thematischen Kapiteln geordnet werden die Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung geführt. Im Bereich „Industrie und Idyll“ etwa wird illustriert, wie der Boom der Industrieproduktion ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bislang ungenutzte Flächen vereinnahmte. „An Rhein und Ruhr“, so lesen wir, „entwickelte sich eine ganz neue Landschaftsstruktur: Felder mit Getreide- und Gemüseanbau oder Weiden mit grasendem Vieh trafen unmittelbar auf gigantische Industrieanlagen“. Insbesondere die Großstädte seien von einer besonderen Veränderungsdynamik erfasst worden. Dort bemühten sich Künstlerinnen und Künstler darum, den schnellen Wandel städtebaulicher Strukturen zu erfassen und zu verarbeiten.
Unter der Überschrift „Lange Arbeitswege“ wird auf die inzwischen selbstverständliche, zur Zeit der Industrialisierung aber neue räumliche Trennung von Arbeits- und Wohnort für Beschäftigte hingewiesen, die mitunter weite Wege zur Folge hatte. „Wer konnte, ging zu Fuß oder nutzte das weit verbreitete Fahrrad.“ In die Zeit fiel auch der massive Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel. In engem Zusammenhang damit erinnert ein benachbarter Bereich der Ausstellung mit dem Titel „Zeit und Zäsur“ an das damals ebenfalls neue, strikte Zeitregime. „Organisationsabläufe gaben den Tagesbeginn und sein Ende vor. Der Schichtbetrieb regelte das Zusammenspiel zwischen Menschen und niemals ermüdenden Maschinen“, so die Beschreibung. Treffsicher bestätigt die Ausstellung hier Karl Marx These aus dem „Maschinerie und Große Industrie“-Kapitel im ersten Band des ‚Kapitals‘: „Aller kapitalistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozeß, sondern zugleich Verwertungsprozeß des Kapitals, ist es gemeinsam, daß nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch handgreifliche Wirklichkeit.“ Was Marx theoretisch durchdrang, verarbeitete, eine ganz ähnliche Deutung nahelegend, die Künstlerin Hannah Höch in ihrem hier ausgestallten Gemälde „Mensch und Maschine“.
Beleuchtet werden aber auch die mal direkt, mal mittelbar durch Entfaltung der industriellen kapitalistischen Produktionsweise angestoßenen gesellschaftlichen Veränderungen. Der Bereich „Verheißungen“ zeigt auf, dass Arbeit zunehmend nicht mehr bloß den Lebensunterhalt sicherte, sondern auch „mit der Hoffnung auf Emanzipation und sozialen Aufstieg“ einherging. „Vertraglich geregelte Arbeitsverhältnisse und ein bescheidener Wohlstand machten Freizeitaktivitäten und Urlaub für breite Gesellschaftsschichten erschwinglich“. Das Wachstum des Dienstleistungssektors sowie die Entstehung und Verbreitung neuer Büroberufe boten ungekannte Aufstiegschancen führten zu „Frauen auf dem Vormarsch“, wie eine weitere Tafel erläutert und Carl Walthers bekanntes „Porträt einer Frau mit Zigarette“ symbolisiert. Allerdings verschwanden Patriarchat und geschlechtsspezifische häusliche Arbeitsteilung damit noch nicht. Die typischen Tätigkeiten als Verkäuferin, Schreibkraft, Telefonistin oder Buchhalterin, so werden wir aufgeklärt, ermöglichten zwar „ein selbstbestimmtes Leben – oft jedoch nur bis zur Heirat, die meist mit der Aufgabe des Berufes einherging“. Die Widersprüchlichkeit der Epoche zeigt sich darin, dass trotz fortlebenden Patriarchats und prekärer Beschäftigungssituation der Frauen die Figur der emanzipierten ‚Neuen Frau‘ zum „gesellschaftlichen Ideal, vor allem im Kontext der urbanen Mode- und Partykultur“ wurde. Unter dem Stichwort „Kritik“ wird schließlich die gewerkschaftliche und sozialistische Kritik an ausbeuterischen Arbeitsbeziehungen, Entfremdung und Ungleichheit thematisiert.
„Ein großer Wurf zur rechten Zeit“, würdigt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die von Thorsten Valk und Christoph Schmälzle kuratierte Ausstellung. Deren große Syntheseleistung verdeutlicht er an Otto Bollhagens ausgestelltem, riesigen Panoramagemälde der Bayer-Werke und der bereits erwähnten Rasierklingenverpackungsmaschine. „Die beiden Objekte scheinen zwei Welten ohne Berührungspunkte zu repräsentieren. Aber der Eindruck täuscht, denn beides ist Folge und Ausdruck einer Entwicklung, die Rationalisierung, Effektivitätssteigerung und Profitmaximierung als oberste Gebote betrachtet und in der dem Menschen eine höchst ambivalente Rolle zuteilwird: Er ist Produzent und zugleich Abnehmer der erzeugten Güter, er ist der Herr der Maschinen und ihr Knecht, er ist der Motor der Arbeitsprozesse und ihr Hemmschuh. Wie ein Demiurg erschafft er neue Welten, die sich selbst verschlingen und ihren Schöpfer gleich mit.“
Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ ist noch bis 12. April 2026 im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.











